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Heike Ruschmeyer - Das letzte Bild - Malerei

Eine Ausstellung des Kunstamts Reinickendorf in Kooperation mit Otto Berg

Mein Vater betrieb als gelernter Kürschner und Mützenmacher ein Hut- und Mützengeschäft in Uchte, einer Kleinstadt in Südwestniedersachsen am Rande des großen Moores.

Ich möchte ihn als einen überaus modernen Menschen bezeichnen. Er fuhr Fahrrad statt Auto. Nie hat er auch nur einen Tag sein Geschäft geschlossen. Er ist nie verreist. Er war als Freiberufler nicht rentenversichert und arbeitete bis zu seinem 76. Geburtstag, der auch sein Todestag war.

Mittags, am 7.7.2003, einen Tag vor seinem Geburtstag, kam ich mit meiner Pudelhündin Cara in Uchte an. Vater machte einen Kaffee. Er kam sofort zum Thema. Er wollte mit mir zur Sparkasse gehen. Ich sollte eine Kontovollmacht erhalten. Dazu brauchte er einen gültigen Personalausweis, den er nicht hatte. Er war lange nicht mehr verreist. Er setzte sich auf sein Fahrrad, fuhr los, um Passbilder machen zu lassen. Als er zurückkam, zeigte er mir seine Bilder. Ob er denn wirklich und wahrhaftig so aussehe. Ich meinte, dass niemand so aussieht wie sein Passbild. Er ging in sein Schlafzimmer. Er brachte einen schwarzen Schlips. Er versuchte ihn zu binden. Es gelang ihm nicht. Ob ich das könnte. Ich konnte. Als Tochter eines Menschen, der Hüte, Mützen, Handschuhe und Binder verkaufte, konnte ich das.

Wozu er denn jetzt seinen schwarzen Schlips brauche, fragte ich. Er gab keine Antwort. Abends sahen wir einen Krimi an. Danach gingen wir zu Bett. Ich bezog wie immer, wenn ich in Uchte war, mein ehemaliges Kinderzimmer.

Nachts um zwei Uhr erwachte ich von lauten Rufen und Schreien meines Vaters. Ich ging über den Flur in das Elternschlafzimmer. Das Gesicht meines Vaters war geschwollen; er schwitzte und redete wirr. Ich rief den Notarzt an. Mein Vater war Diabetiker. Ich befürchtete eine Unterzuckerung. Der Notarzt kam, versorgte ihn und ließ ihn sicherheitshalber in das nächstgelegene Krankenhaus bringen. Am nächsten Mittag besuchte ich ihn.

Man hatte meinem Vater einen äußeren Herzschrittmacher gelegt. Er kam langsam zu sich. Die diensthabende Ärztin fragte meinen Vater, ob er eine für seinen Beruf typische Handbewegung machen könnte. Mein Vater schnitt in die Luft. Ich sagte, ich würde morgen wiederkommen. Mein Vater sah mich zweifelnd an. Am Abend rief mich ein Arzt des Krankenhauses an. Mein Vater sei verstorben.

Es kamen Kunden vorbei, die sich beklagten, wo sie jetzt ihre Mützen kaufen sollten. Sie waren teilweise von weither gekommen, wie mir schien.

Die Pfaffnähmaschine, die Pelznähmaschine und Zubehör übergab ich dem Heimatmuseum Uchte. Das Haus, in dem mein Vater und ich geboren wurden, verkaufte ich für 5000 Euro an die Gemeinde Uchte. Der Abriss eines alten, baufälligen Fachwerkhauses würde viel Geld kosten, sagte man mir. Seitdem fahre ich einmal im Sommer dort vorbei. Das Haus steht noch und sieht noch ganz genau so aus.

Heike Ruschmeyer, 2005

 

Gegen abend rief mich mein Onkel an: »Heike, komm nach Hause.« Ich setzte mich in den Zug, der 1988 noch länger als zwei Stunden bis Minden brauchte. Irgendwann nachts erreichte ich Uchte. Meine Großmutter öffnete die Ladentür, die einzige Eingangstür des Hauses, die jedesmal klingelte, wenn man sie öffnete oder schloss: »Ping«. Durch den Laden ging ich geradeaus in den Flur. Durch die geöffnete, rechts gelegene Küchentür sah ich meinen Vater mit versteinertem Gesichtausdruck im gelben Schein der Küchenlampe reglos am Tisch sitzen. Ich ging weiter geradeaus, öffnete die Schlafzimmertür meiner Eltern. Ich sah einen Menschen im Bett liegen, der nie und nimmer meine Mutter sein konnte. Noch im Mai hatte sie mich in Berlin besucht. Und jetzt im Juli war sie ein vom Krebs zerstörter Mensch. Sprechen konnte sie nicht mehr.

Am nächsten Mittag meinte Großmutter, ich sollte schon mal die Briefkuverts für die Beerdigungskarten beschriften. Ich wollte das nicht; meine Mutter lebte noch. Sie starb allerdings am gleichen Tag.

Großmutter nahm meine Hand, zog mich neben sich vor das Fußende des Bettes, in dem Mutter lag. Feierlich sagte sie: »Sie war meine Tochter und deine Mutter.«

Dann weinte sie exakt eine Minute lang, wie mir schien. Danach durfte ich die Adressen schreiben. Mutter blieb noch über Nacht zu Hause. Sie hatte sich immer davor gegruselt, als Scheintote in einem Sarg in der Uchter Friedhofskapelle zu erwachen. Dass sie nicht scheintot war, war sicher. Aber es war gut für meinen Vater und für mich, in Ruhe Abschied nehmen zu können.

Am nächsten Tag kam der Pastor, der Mann, der mich getauft hatte. Donna freute sich immer über Besuch, egal, wer es war.

»Nehmen Sie doch den Hund weg. Wir wollen beten.« Nach der Beerdigung meiner Mutter ging ich mit Donna auf den Friedhof, schließlich hatte sie meine Mutter ebenso geliebt wie ich. Ich warf eine Handvoll Sand auf den Sarg. Nebenan warteten die Friedhofsgärtner mit ihren Schaufeln.

»Künnt wie jetzt tauschütten, Ruschmeyer?«

Was mich tatsächlich tröstete, waren diese Männer mit ihren Schaufeln.

Heike Ruschmeyer, 2005

Heike Ruschmeyer - Biographie

1956

geboren in Uchte (Niedersachsen)

1976–79

Studium an der HBK Braunschweig bei Emil Cimiotti und Alfred Winter-Rust

1977

Rudolf-Wilke-Stipendium der Stadt Braunschweig

1979–82

Studium an der HdK Berlin bei Wolfgang Petrick; Meisterschüler bei Wolfgang Petrick

1983

Bernhard-Sprengel-Preis für bildende Kunst

1985

Nachwuchsförderstipendium an der HdK Berlin

1988

Niedersächsisches Künstlerstipendium

1993

Bernward-Preis für Malerei

2005

Marianne Werefkin-Preis des Archiv Verein der Berliner Künstlerinnen

Heike Ruschmeyer lebt und arbeitet in Berlin.

Die Ausstellung

Wann

Vom 28.11.2007 bis 29.08.2008

Wo

Otto Berg Bestattungen / Zentrale
Reisdenzstraße 68
13409 Berlin-Reinickendorf

Öffnungszeiten

Nach telefonischer Vereinbarung unter 030 49 10 11

Sonderveranstaltungen

Unter www.ottoberg.de